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  • janal28

Mein Monat mit Astrid Lindgren - Trost, Freiheit, Stärke

Aktualisiert: 7. Apr. 2021

Was für eine Challenge! Schnell hatte ich gemerkt, dass Astrid Lindgren nicht nur eine Autorin ist. Sie hat meine Kindheit und damit mein Leben geprägt. Das klingt dramatisch, aber es ist nicht übertrieben. Zunächst konnte ich die Person "Astrid Lindgren" gar nicht fassen, so vertraut und gleichzeitig universal kam sie daher, überall präsent und doch unnahbar. Als ich die Fakten ihrer Biographie abgearbeitet, begann ich ihre Bücher zu lesen...und da ist es dann passiert.


Beim Lesen sind die Kindheitsgefühle hochgekommen. Pippi Langstrumpf und Michel an Weihnachten im Schlafanzug im Fernsehen gucken, warme Milch und Schokopudding, Oma, Flanellnachthemd. Gefühle wie Geborgenheit, beschützt sein, sich ein bisschen wehmütig und mit rosaroter Brille an die Kindheitstage erinnern.

Astrid Lindgren wollte mit ihrer Kunst Trost spenden und jetzt weiß ich, dass sie es geschafft hat. Ihre Figuren sind so in unserer Vorstellung von Kindheit integriert, ohne dass wir es noch bewusst wahrnehmen würden. Als Erwachsener ist es wie innerlich nach Hause kommen und löst die Sehnsucht nach unendlich langen Sommertagen aus, nach schwedischer Bauernidylle, nach Sonne und Wasser auf der Haut, nach Entschleunigung und Reduzierung auf die einfachen Dinge.


Und dann ist da Pippi! Pippi Langstrumpf war DAS wichtige Kinderbuch vor allem für uns Mädchen. Eine Figur, die überhaupt nicht den Vorstellungen eines Mädchens entsprach. Was für eine Revolution, die Astrid Lindgren mit ihr losgetreten hat.

Mädchen lernen von klein auf, sich in die Emotionen und Sehnsüchten von Jungen hineinzuversetzen. In Filmen und Kinderbüchern wird die männliche Perspektive aufgezeigt. Mädchen sind brav, hübsch und eben mädchenhaft. Eine Figur wie Pippi stellte das alles auf den Kopf: gegen Schönheitsideale, gegen kleinbürgerliche Rollenverständnisse. Pippi sah und sieht sich selbst und die Welt nicht mit den Augen der anderen, sie ist frei.

Astrid Lindgren war keine, die in der ersten Front mit Frauenrechtlerinnen gekämpft hat. Sie ist den Weg der Kunst gegangen und hat in der Stille mit Humor in unseren Köpfen so viel bewegt und verändert, ohne dass wir es gemerkt haben. Pippi war plötzlich einfach da!


Im Fotoband "Außer Rand und Band" reißen Pippi, Tommy und Annika von zu Hause aus, sind unterwegs und nehmen alles an, was ihnen begegnet. Mit dem Fass geht es den Wasserfall hinunter, sie treffen den alten Landstreicher mit dem Superkleber, sie baden im Fluss und sammeln Geld am Markt nur mit Kartoffelsäcken bekleidet. Beim Lesen dachte ich: ICH WILL AUCH!

Wann bin ich denn das letzte mal einfach mal drauf los und habe alle Dinge auf der To-do liste zum Teufel gejagt. An all die selbstauferlegten Zwänge werde ich mich später nicht mehr erinnern, bestenfalls habe ich sie verdrängt. Ans Aufbrechen ins Unbekannte, an die Erlebnisse und Überraschungen mit Menschen, weil ich mich getraut habe, das sind die Geschichten, die die gelebte Zeit füllen.


Ich denke das wichtigste Gut in unserem Leben ist die Freiheit. Pippi Langstrumpf zeigt uns, wie Freiheit geht! Sie kommt in das kleine Städtchen, die Mama ist tot, der Vater nie da, das Haus verfallen. Trotzdem hadert sie keine Sekunde lang mit ihrem Schicksal oder den äußeren Umständen, sie trägt ihre Freiheit im Inneren. Jede vermeintlichen Ungunst und Misere verwandelt sie zu Reichtum. Aus ihrer Randposition entwickelt sie Kraft.


Manchmal grübele, habe Gedanken, die mich wütend machen, Erinnerungen, die mich ins Dunkle ziehen und mich hilflos zurück lassen. Manchmal bereue ich Entscheidungen, die ich einst getroffen habe, weil ich nicht weitsichtig genug war, weil ich zu unsicher war. Manchmal denke ich, das Leben ist nicht so gelaufen, wie es hätte sein sollen.

Pippi ist da ganz anders! Sie schöpft aus den Vollen und denkt niemals an das, was sie nicht hat.

Das ist das Wichtigste, was ich auch diesem Monat verinnerlicht habe: Denke niemals defizitär! Es bringt dich nirgends hin! Verändere stattdessen deine Denkweise, zähle das, was du hast. Verschwende keinen einzigen Gedanken mehr daran, was dir entgangen ist, wo du eine dich falsch entschieden hast, denn das ist erstens subjektiv und zweitens hypothetisch und drittens determiniert es dich in deiner Freiheit.


Fakt ist, was du hast, ist das JETZT. Das bist du! Du bist diese eine einzigartige Person, weil du durch Dinge gegangen bist. Sieh das niemals als Schwäche an, sehe die Stärke darin, denn du stehst noch! Es wartet noch viel auf dich, weil es genau so ist, wie es jetzt gerade ist. Alles wird sich wie ein Puzzle zusammen fügen und ein Gesamtbild ergeben. Zum Nachdenken hat mich diese Textstelle gebracht:


Pippi meinte, Wege seien nicht so wichtig, wenn man ausriss. "Man kommt schon immer irgendwie voran."

Sobald du ausreist, dich traust die Dinge zu tun, die du tun möchtest, dann kommst du auch an. Geh einfach los und versuche es! Selbst wenn du unübliche Wege oder gar Umwege gegangen bist und gehen wirst. Und sowieso ist ja immer der Weg das Ziel ;).


Trost - Freiheit - Lebensbejahung - innere Stärke: das sind Astrids Botschaften an mich. So unbedarft wie Kinder leben, das Leben umarmen, so wie es ist, sich seine Freiheit nehmen und Trost im Nahen und Fernen finden.


P.S. Astrid war 37 Jahre alt, als sie ihren Welterfolg Pippi Langstrumpf schrieb. Ich bin vor der Recherche davon ausgegangen, sie wäre von klein auf die Überfliegerin, nur darauf wartend, entdeckt zu werden. Aber sie war ein Bauernkind, mit 18 Jahren hat sie einen unehelichen Sohn geboren und musste sich alleine in Stockholm ihr täglich Brot verdienen. Lernte einen typischen Frauenberuf, Stenotypistin, war oft melancholisch und traurig. Dennoch hat sie sich in ihrer Bescheidenheit und Bodenständigkeit emanzipiert und sich wie keine andere in der Kinderliteratur durchgesetzt. Ein tolles Vorbild!!!







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