“Mädchen spricht man das Recht ab, zornig zu sein und außer sich zu geraten."

JANA WELLMANN Salon Alba - April 2021

Isabel Allende -

Die Geschichtenerzählerin Südamerikas

Isabel Allende ist die Frau aus Chile mit den dunklen Augen und dem ansteckenden Lächeln.

Die Frau, die in Ted Talks für Leidenschaft plädiert und neben Sophia Loren das olympische Feuer getragen hat, die ihre eigene Stiftung für gefährdete Mädchen führt und jedes neue Buch immer am 8. Januar zu schreiben beginnt. Sie ist vor allem die Frau, die sich als erste Autorin im männerdominierten Literaturbetrieb Südamerikas durchsetzte - und bis heute ist sie die bekannteste Geschichtenerzählerin ihres Kontinents. 

Magie und Realität

Das erste Mal hörte ich von Isabel Allende, als ich die Verfilmung ihres Debütromans Das Geisterhaus sah (1993, Billie August) mit einem Hollywood Ensemble seinesgleichen: Meryl Streep, Glenn Close, Jeremy Irons, Winona Ryder und Antonio Banderas. Vor betörend schönem Landschaftspanorama inszenierten sie ein imposantes, vielschichtiges Familienepos - der Aufstieg und Fall einer Familie, eines ganzen Landes und das Leben der Frauen in einem patriarchalen Haus  - das mich in seinen Bann zog.

 

Erst Jahre später las ich den Roman 'Das Geisterhaus' und war wieder fasziniert - diesmal von Isabelles Fabulierkunst. Die Magie, die Geister des diversen Chiles, die geheimnisvoll - exotische Fülle Südamerikas, Vernunft und Mystik zugleich formten sich zu Bildern in meinem Kopf aus. Der magische Realismus macht es sich zu eigen, das Phantastische mit dem Realistischen zu verbinden und versteht es, das Leben und die Konflikte eines ganzen Kontinents auszudrücken. 

Für den europäischen Leser mag es faszinierend und befremdlich zugleich sein, mit welcher Selbstverständlichkeit mit Geistern und dem Übersinnlichen umgegangen wird. Die Geister sind die Geister eines Landes, die Metaphern, die unsichtbaren Kräfte, die die Menschen antreiben.

Als Vertreter sind Großschriftsteller wie Gabriel Garcia Marquez und Jorge Luis Borges zu nennen. Bei Allende kommt der feine Unterschied hinzu, dass sie eine Frau ist, die Literatur und Geschichte geschrieben hat. Das Werk wurde weltweit ein Erfolg und in mehr als 40 Sprachen übersetzt. 

 

Die Keimzelle des Geisterhauses war ein langer Brief, den Isabelle aus dem venezolanischen Exil an ihren Großvater schrieb, der im Sterben lag - wohl im Wissen, er würde den Brief nicht mehr lesen. Isabel beruhigte ihn, nichts von dem Schatz an Geschichten würde verloren gehen. Der Großvater starb nur wenige Tage später - das Erzählen aber hatte sie gepackt. Sie schrieb weiter mit dem Gefühl das Wollknäuel ihrer Geschichte zu entwirren und gleichzeitig alles mit einer Dringlichkeit aufzuschreiben, dass am Ende ein 500 Seiten Buch vor ihr lag.

“Wer mein Buch gelesen hat, weiß alles über mich. Mein Kontinent, mein Land; meine Familie, meine Überzeugungen, meine Gefühle - alles ist drin,” sagte sie in eine Interview 1985. Isabels eigene Geschichte ist mit der Romanwelt im Geisterhaus eng verknüpft. Die Kindheit im dunklen Eckhaus, der große Einfluss ihrer Großeltern, die Begegnungen mit Salvador Allende, das Miterleben des Militärputsches und Terrorregimes. Wenn wir von Allendes Geschichte sprechen, dann auch immer vom Geisterhaus. Aber beginnen wir von vorne, beginnen wir im Geisterhaus.

Isabels Geschichte - das große verwinkelte Haus

 

Isabel Allende wurde Anfang der 40er Jahren in Lima, Peru geboren. Ihre Mutter war die schöne Francisca Llona, genannt Pancha, ihr Vater der “Skandal” Diplomat Tomás Allende, Cousin des späteren chilenischen Staatspräsidenten Salvador Allende. Panchas konservativ-katholische Eltern hatten sie vor dem unkonventionellen Tomás gewarnt -  sie sollten Recht behalten. Als Isabel drei Jahre alt war, ging Tomás auf eine Party. Er kam von dort nie wieder zurück und verschwand spurlos. Sitzengelassen mit zwei Kleinkindern und einem Säugling kehrte Pancha ‘45 nach Santiago de Chile zu ihren Eltern zurück. In dem großen, verwinkelten Haus der Großeltern im feinen Stadtteil Providencia, das später zum Vorbild für das Geisterhaus wird, verbringt Isabel ihre Kindheit. 

 

 

 

An ihre Kindheit erinnert sie sich als eine Zeit voller Furcht und Dunkelheit. Die Liebesgeschichten ihrer Mutter führten zu starken Verlustängsten. Sie fürchtete, Panchita würde sie verlassen oder gar sterben. Früh bemerkte sie auch die Benachteiligung ihre Mutter gegenüber den Männern im Haus. Ohne Berufsausbildung, ohne Geld, ohne Freiheit, geheiratet gegen den Willen der Eltern und gescheitert mit dem Makel der alleinstehenden Frau, ordnete sie sich unter. Isabel sagt von sich selbst, sie sei schon im Kindergarten Feministin gewesen, ohne dass man in ihrer Familie den Begriff kannte oder sie es gedanklich erfassen konnte. Aufopferung und Selbstlosigkeit wurden immer nur von einer Person in der Familie verlangt. Isabel nahm die Frauen als Opfer wahr, entweder weil sie wie Pancha mit den Konventionen brachen, oder weil sie, wie die Hausangestellten, arm waren. Auch wenn sie diese noch nicht benennen konnte, entwickelte Isabel Gefühle von Frustration und Abneigung gegen jede männliche Form von Vorherrschaft.

Unangefochtenes Oberhaupt im Haus war der Großvater. Er glaubte als Konservativer an ein traditionelles Bild von Weiblichkeit. Isabel eckte mit ihren Gefühlen an, denn als Mädchen sprach man ihr das Recht ab, zornig zu sein. Die Fügsamkeit dagegen wurde als weibliche Tugend hochgehalten. Ehrgeiz, Durchsetzungskraft, Freude an der Macht, das waren Schimpfwörter für Frauen, für Männer erwünschte  Eigenschaften. Wer legt fest, was Tradition und Kultur verlangen? Die Männer natürlich - und die Frauen übernehmen es. In Isabels Familie und im ganzen Land.

Ernährt und beschützt zu werden hat seinen Preis. Auch Pancha übernahm wieder die Rolle einer Ehefrau, die nichts zu sagen hatte und häufig wütend war. Sie tat es aus Liebe und um ihren Kindern eine Zukunft zu bieten.  Der Auserwählte war Ramón Huidobro, chilenischer Konsul in Lima, der die Familie in Santiago besuchte und noch aus ihrer Zeit in Lima kannte. Als Ramón Huidobro ‘53 in La Paz die Stelle eines Botschaftssekretärs annimmt, zieht Pancha mit den Kindern zu ihm, später folgen sie ihm in den Libanon. Isabel besucht dort die sittenstrenge englische Mädchenschule, taucht in die Geschichten aus 1001 Nacht ein, erfährt aber auch von Zwangsheiraten ihrer Mitschülerinnen, die von heute auf morgen von der Schule genommen werden. 1958 bricht die Libanonkrise aus und die Kinder werden nach Santiago zu den Großeltern geschickt. 

 

Zurück im großen verwinkeltem Haus verbringt Isabel viel Zeit mit ihrem Großvater Augustin. Isabel liebt ihn sehr. Seit seinem 14. Lebensjahr arbeite er, das Leben bedeutete für ihn Anstrengung und Disziplin, seine Prinzipien waren Fleiß, Ehrgeiz und Verantwortungsbewusstsein - die Ehre der Familie ging über alles. Zum anderen waren aber auch Freiheit und Unabhängigkeit seine Lebenspfeiler, ganz nach dem Motto  »verlass dich ausschließlich auf dich selbst«. So widersprüchlich es klingen mag, Augustin riet seiner Enkelin von der Ehe dringlich ab und investierte in ihre Ausbildung. "Der Ehemann befiehlt und versorgt, die Ehefrau dient und umsorgt," - soviel wusste er. Augustin war in diesem Fall seiner Zeit voraus, denn inzwischen ist nachgewiesen, dass die Lebenszufriedenheit am höchsten ist bei verheirateten Männer und alleinstehenden Frauen.

 

Mit 17 verliebte sich Isabel in Miguel Frías, einen Studenten mit britisch- deutschen Wurzeln, der das englische Internat in Santiago besuchte. Die Mutter hatte ihre Tochter bekniet, sie würde mit ihren Flausen im Kopf nie einen Mann finden und ihr Leben als alte Jungfer bestreiten müssen-  das war man zu jener Zeit schon mit 24 Jahren. Entgegen der Ratschläge ihres Großvaters und ihrer eigenen feministischen Denke, heirate sie mit 20 Jahren Miguel. Zu groß war die Verliebtheit und die Angst, als alte Jungfer zu enden. 1963 brachte sie ihre Tochter Paula zur Welt, ihr Sohn Nicolás folgte 1966. 

Isabel bemühte sich sehr in der Rolle als  Mutter und Hausfrau, doch nachdem die Kinder aus dem Gröbsten raus waren, langweilte sie sich zu Tode und die innere Unruhe loderte.

 

 

 

Ihr Leben änderte sich, als sie 1967 bei Paula, ein frisch auf den Markt gekommenen Frauenzeitschrift zu arbeiten beginnt, gegründet von Delia Vergara, einer jungen Journalistin, die eine Weile in Europa gelebt hatte. Es war die erste feministische Frauenzeitschrift Chiles. Mit ihrer eigenen Kolumne “Zivilisieren sie den Höhlenmenschen” veralberte sie den Machismo. Mit Humor brach sie Tabus wie die weibliche Untreue, denn sexuelles Begehren und Untreue waren den Männern vorbehalten, Frauen seien von Natur aus keusch und weiblicher Sexualtrieb wurde bestritten.

Da in Chile die feministischen Vorbilder fehlten, fanden die Frauen um Paula Anregungen aus Europa und Nordamerika: Sylvia Path, Betty Friedman, Germaine Greer oder Kate Millett.

 

Bei Paula lernte sie, dass Zorn alleine wenig bringt, Handlungen waren nötig. Sie konnte nun schreiben und ihren Gedanken Ausdruck verleihen, fühlte sich das erste Mal wohl in ihrer Haut und war unter Gleichgesinnten. 

Neben ihrer Arbeit bei Paula gestaltete Isabel eine Comedy-Sendung beim staatlichen Fernsehen, moderierte eine Talkshow und verschiedene Reportagen, schrieb ein Theaterstück und zwei Musicals. 

 

Die Geschichte Chiles  - zwei unversöhnliche Teile

 

Als Jugendliche entwickelte Isabel ein ausgeprägtes Bewusstsein für Ungerechtigkeiten. Sie sah die Ungleichheit in Einkommen und Chance unmittelbar an den Hausangestellten. Am meisten betroffen von den Missständen waren die Armen und die Frauen.  In kaum einem Land war und ist Ungleichheit so ausgeprägt wie in Chile. 

Gesellschaftliche und politische Veränderungen hatten sich in Chile aber schon lange abgezeichnet. Zu groß war die Unzufriedenheit der Arbeiter - der Lohn war schlecht und konnte nur in firmeneigenen Läden eingetauscht werden. Gewerkschaften bildeten sich aus, erste Streiks der Arbeiter gegen schlechte Arbeitsbedingungen fanden statt. Auch im Geisterhaus will Esteban Trueba auf den drei Marien nichts von fairen Arbeitsbedingungen hören und verteufelt den Kommunismus und das bolschewistische Geschwür. Frauen und Arbeitern spricht er das Wahlrecht ab, das wäre schließlich entgegen der Natur. 

1936 gewinnt die Volksfront der Kommunisten und Sozialisten an Einfluss und verbreitet ihre Ideologien durch Lieder, Reden und verbotene Flugblätter bei den Bauern.

In den 60ern spitzt sich die Situation zu, es kommt zu Studentenstreiks, Guerillagruppen nach kubanischem Vorbild bilden sich. Schließlich gewinnt 1970 Salvador Allende, Isabels Großonkel, die Wahl und wird der erste demokratisch gewählte sozialistische Präsident Chiles unter der Unidad-Popular Regierung. Deren Wähler liefen jubelnd durch die Straßen, doch im Stillen bereitete die rechte Opposition bereits seinen Niedergang vor. Unter Allendes Regierungskoalition wurden die Mindestlöhne erhöht, die Krankenversorgung verbessert, innerhalb eines Jahres die Kindersterblichkeit um 20% gesenkt, die Miethöhen eingefroren, eine Landreform eingeleitet – und die Kupferminen und andere Bodenschätze, Banken sowie die Salpeter-, Eisen- und Stahlindustrie verstaatlicht. 

 

 

 

 

 

 

Die Rechten versuchten panisch ihren Besitz zu sichern und gingen teilweise ins Ausland. Es kam zu einer extremen Polarisierung in Chile. Das Land war gespalten in zwei unversöhnliche Teile. Die US-amerikanische Regierung war sich einig mit der chilenischen Oberschicht: Nach Kuba darf nicht auch noch Chile kommunistisch werden! Die USA unterstützte die Schachzüge gegen Allende. Der gnadenlose Kampf der konservativen Kraft führte schließlich zur Katastrophe. Mit Hilfe des CIA gelingt General Pinochet 1973 der blutige Militärputsch, bei dem Allende ums Leben kommt. Am 11. September 1973 wurde die letzte Rede Salvador Allendes im bombardierten und beschossenen Amtssitz La Moneda aufgezeichnet. "Es ist sicherlich das letzte Mal, dass ich mich an euch wende. Die Luftstreitkräfte haben die Sendeanlagen von Radio Portales und Radio Corporacion bombardiert. [...] Es lebe das Volk! Es lebe Chile! Es leben die Arbeiter!“

 

Tausende werden gefoltert, misshandelt und exekutiert. Menschen werden von ihrer Arbeitsstelle ohne Begründung unter den Augen aller abgeführt, Dokumente gibt es später nicht, sie verschwinden einfach. Ohne Erbarmen geht die Militärdiktatur gegen die Linke vor. Die Politik ist extrem neoliberal, die Industrie wird privatisiert und die Unterschiede zwischen reich und arm nimmt neue Dimensionen an. 

Bis 1989 dauerte Pinochets Terrorregime an.

 

Isabel schreibt Geschichte - aus dem Exil

 

Isabel sah zunächst keinen Anlass, über das Exil nachzudenken, sie ging davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es Neuwahlen geben würde. Sie versteckte Verfolgte, besorgte ihnen Ausweispapiere und half ihnen, in die ausländischen Botschaften zu kommen. Sie zeichnete Gespräche mit Gefolterten auf und schaffte die Beweismaterialien ins Ausland. Erst als FreundInnen festgenommen werden und immer mehr Familienangehörige ins Exil gehen, wird ihr klar, dass auch ihr der Name Allende zum Verhängnis werden kann. 1975, als ihre Arbeit bei Paula verliert und anonyme Todesdrohungen erhält, beschließen Isabel und Miguel, das Land zu verlassen. Venezuela war eines der wenigen Länder, das noch Flüchtlinge aufnahm. 

 

In Caracas, Venezuela lebte sich Isabel nie wirklich ein. Zu groß ist der Kontrast zwischen dem tropischen, bunten Venezuela und dem ernsthaften, gesellschaftlich erstarrten Chile. Da ihre bisherigen Tätigkeiten und Referenzen hier nicht zählen, fühlt sie sich nutzlos. 1976 verliebt sie sich Hals über Kopf in einen argentinischen Musiker und verlässt Ehemann und Kinder, um ihn nach Spanien zu folgen. Mit schlechtem Gewissen kehrt sie wenig später wieder zu ihrer Familie zurück. Die Eheleute leben sich mehr und mehr auseinander und Isabel leidet am Verlust der Heimat.

 

Erst als sie die Nachricht ereilte, dass ihr Großvater im Sterben liegt, beginnt sie das Chaos des Erlebten aufzuarbeiten. Als Brief begonnen mündete ihr Schreiben 1982 in einen Generationenroman. Seit den 60er Jahren erlebte die Literatur des Kontinents einen absoluten Boom, der jedoch ein männliches Phänomen war. Denn weibliche Literatur wurde kaum beworben oder erst gar nicht verlegt - auch Isabels Roman wurde abgelehnt. Unter den seit den 60er Jahren publizierten großen Werken, die längst Klassiker geworden waren, fand sich keine einzige Frau. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schließlich nahm sich die Agentin Carmen Balcells ihrer an und verlegte das Buch zunächst in Spanien, später weltweit. Carmen Balcells galt als die gute Mutter für alle Großen des Booms, sie hatte ein riesiges Netzwerk und machte Isabel mit der intellektuellen und künstlerischen Elite Barcelonas bekannt. Der Erfolg kam überraschend für die unbekannte Autorin, denn das Geisterhaus eroberte die literarische Welt wie im Sturm. Allein in Deutschland wurden 100.000 Auflagen verkauft. 

Die Literaturkritiker waren verwirrt, ohne sich vorzustellen war die Chilenin in den exklusiven Gentleman's Club der Literatur geplatzt. War das Unterhaltungs- oder ernstzunehmende Literatur? Kopierte sie Gabriel Garcia Marquez oder hatte sie eine eigene Stimme? 

Nun ja, der enorme Erfolg des Buches zeigte vor allem, dass das bisweilen völlig ignorierte Lesepublikum überwiegend weiblich war. Der Roman wurde aus Sicht und der Erfahrung von Frauen aus vier Generationen erzählt und gibt sich schließlich am Ende des Buches als “Roman einer Frau” mit Alba als Erzählerin zu erkennen. Fest steht, das Geisterhaus trennte die Literatur des Kontinents in eine Zeit davor und danach! 

Die Geschichte der Frauen

 

“Das Geisterhaus ist meiner Mutter, meiner Großmutter und den anderen außergewöhnlichen Frauen dieser Geschichte gewidmet,” schreibt Isabel am Anfang ihres Romans.

 

Ihr Großvater Augustin war zum Vorbild für Esteban Trueba geworden, der Patriarch, der das Landgut der Drei Marien mit harter Arbeit und unermüdlicher Disziplin wieder aufbaut. Isabels Großvater war ein von allen Geliebter, aber auch auch gehasster Mann, rabiat, intolerant und reaktionär. Gleichzeitig war er aber ein außerordentlicher Mensch, sie war ihm sehr nahe und sie sprachen täglich miteinander. Isabel diskutierte mit ihm, brachte ihn schließlich sogar dazu, Simone de Beauvoirs “das andere Geschlecht” zu lesen und ließ “aus versehen” feministische Schriften in seinem Zimmer liegen. 

 

Die hellsichtige, sanfte Clara war tatsächlich Isabels Großmutter, genauso wie sie war. Nur wenig habe Allende zu der Romanfigur hinzugefügt. Ihre Großmutter habe sie zu der Gestalt inspiriert, die sie von allen Figuren am meisten liebte: Clara, Clarissima, die klarblickende im Geisterhaus. 

 

Viele Übereinstimmungen gibt es zwischen der Figur Alba, Erzählerin und Enkelin Claras, und Isabel. Beide lernten nie ihren leiblichen Vater kennen, der mit obskuren sexuellen Neigungen in Verbindung gebracht wurde. Zu den Großeltern haben beide eine besondere Beziehung, sie lauschen ihren Geschichten. Der Keller im Haus ist der verbotene und heimliche Lieblingsplatz zum Lesen, Spielen und Denken. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass beide in einem großen Familienbund aufwachsen mit Exzentrikern und unverheirateten Onkeln, die eine wichtige Rolle spielten, und die Allende im Roman zu einem skurrilen und witzigen Tableau gekonnt erzählerisch zusammenfügt.

Das Geisterhaus kommt weder mit feministischen Paukenschlägen angerollt, noch kämpfen Jeanne d’Arc Charaktere gegen den Machismo. Isabel Allende tut etwas anderes: durch beschreibendes Erzählen und unmerkliche Reflexionen macht sie eine Vielzahl von Frauenschicksalen für uns erfahrbar.

Ferula, die sich selbst für die Pflege der Mutter aufopfert. Clara, die sich ins Spirituelle und ins Schweigen flüchtet. Alba die im Gefängnis gefoltert wird. Blanka, die zur Hochzeit gezwungen wird. Pancha und die vielen Bauernmädchen, die vom Patron vergewaltigt werden. Amanda, die ihr Kind abtreibt und den Drogen verfällt.

In einem Interview sagt Isabel Allende, sie wolle mit dem Geisterhaus zeigen, dass Frauen durch die historisch bedingte Doppelbelastung “unheimlich stark, geduldig und belastbar geworden sind”, aber es sei schwer für sie, in einer von Männern geprägten Welt zu überleben. 

Wie auch im echten Leben stellt der Patriarch Esteban Trueba den Mittelpunkt der Geschichte dar. Als Hauptfigur zieht er sich von der ersten bis zur letzten Seite durch das Buch. In einer Welt, die von Männern dominiert ist, handelt auch die Geschichte von ihnen und ihren Errungenschaften. Das Geisterhaus wird jedoch von Frauen erzählt. Das ist für Isabel wichtig, denn die weibliche Perspektive kann all das zeigen, was sich hinter den vordergründigen Wahrheiten verbirgt. 

Natürliche Überlegenheit, Herkunft, die Härte des Lebens, konservative Einstellung und Rechtsdiktatur werden an der Figur Trueba exemplarisch vorgeführt. Seine Geschichte ist jedoch untrennbar verknüpft mit der Geschichte der Frauen des Hauses. 

 

 

 

Während die Männer im Roman politische Entscheidungen treffen und aktiv sind, fügen sich die Frauen in ihr Schicksal. Dennoch bleiben sie nie handlungsunfähig. Pancha wird vergewaltigt, schlägt aber zurück, indem sie den Enkel auf Esteban aufhetzt. Clara ergibt sich ihrem Schicksal Esteban zu heiraten, entzieht sich ihm aber durch Schweigen und Abwesenheit. Blanca heiratet den Grafen unter dem Zwang Estebans, flüchtet aber später für immer und pflegt die Beziehung zu ihrem Geliebten. Die Frauen verhalten sich vor allem solidarisch untereinander und bleiben dadurch bestehen. Alba übersteht die Folter im Gefängnis und führt die Kette weiter, denn sie ist schwanger mit einem Mädchen. Während die Männer physisch schrumpfen, vereinsamen, zu Tieren karikatiert werden, im Untergrund oder im Exil verschwinden, sichern der Geist Claras und ihre Aufzeichnungen das Überleben. 

Genauso wie Alba im Roman die Familiengeschichte weiterführt und sich von ihrem sterbenden Großvater verabschiedet, so verabschiedet sich Isabel Allende von ihrem Großvater mit dem Versprechen, die Dinge der Vergangenheit dem Vergessen zu entreißen und das eigene Entsetzen zu überleben. 1998 wurde das Geisterhaus vom Suhrkamp Verlag zum Buch des Jahrhunderts gewählt. 

Über 20 Romane veröffentlichte Isabel in den letzten 40 Jahren. Erst im Februar 2021 erschien ihr Buch Was wir Frauen wollen, das im Spanischen den schöneren Titel “Die Frauen meiner Seele” trägt. Darin vertraut sie darauf, dass die Töchter und Enkelinnen die Arbeit fortführen, die ihre Mütter und Großmütter begonnen haben. 

Die Geschichte hört niemals auf.

 

Heute ist Isabel 78 Jahre alt und lebt mit ihrem 3. Ehemann in Kalifornien am Meer. So wie die Figuren aus ihren Romanen verfügt Isabel über die Leidenschaft und Hingabe, die sie jeden Tag zum Schreiben in ihre Dachkammer treibt. Ihr Großvater lieferte ihr ausreichend Stoff dafür. Ihre verstorbene Tochter Paula und ihre Mutter Panchita sind die Geister, die immer bei ihr sind.

 

 

 

 

 

 

 


 

Literatur:

Isabel Allende: Das Geisterhaus.Suhrkamp Verlag.

Isabel Allende (2020): Was wir Frauen wollen. Suhrkamp Verlag.

Isabel Allende. DAs Geisterhaus. Textanalyse und Interpretationen. Konigserläuterungen. C. Bange Verlag 2010

https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/isabel-allende/

https://www.fr.de/politik/letzten-worte-allendes-11729736.html

The frost Interview (2013): Isabel Allende - Forever a foreigner.

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"Früh bemerkte ich, dass meine Mutter benachteiligt war gegenüber den Männern im Haus."

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"Wir waren vier Frauen Anfang zwanzig und entschlossen, die chilenische Scheinheiligkeit zu erschüttern."

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"Es war nicht nötig etwas zu erfinden. Die Folter, das Gefängnis, die Größe der Zellen. Alles ist wahr."

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"Ich lebte schon lange im Exil und irgendwie wollte ich all das wiederfinden, was ich verloren hatte. Meine Heimat, meine Familie und die Dinge, die ich als Kind liebte."

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"Der Beitrag der Frauen im Geisterhaus ist sehr zart und fließend... Am Ende sind alle Frauen so vorbildlich, dass ich dachte, den Sanftmütigen sollte die Welt gehören." Meryl Streep

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