Photo by Bo-Erik Gyberg

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Hey Pippi, 

we love you! 

JANA WELLMANN Salon Alba - JANUAR 2021

Pippi Langstrumpf und ihre Superpower 

7 Dinge, die wir von Pippi fürs Leben lernen

Be Pippi, not Annika.  Dieser Satz ist mir schon oft begegnet. Aber wie genau macht man das, mehr Pippi sein und weniger Annika? Was wir wirklich von Pippi  lernen können!


Als ich ein Kind war, war Pippi meine literarische Freundin. Mit ihr ging ich auf Abenteuerreise, riss aus, suchte Sachen und feierte schwedische Weihnachten. Sie zeigte mir, dass man Dinge auch anders machen kann, z.B. Spaghetti mit der Schere abzuschneiden oder mit den Füßen auf dem Kissen zu schlafen. Oder mit Kleidern baden zu gehen, denn dann werden sie praktischerweise gleich mitgewaschen.  

 

Mit ihrem Einzug in die Villa Kunterbunt brach Pippi die Tabus der bürgerlichen Kleinfamilie und stellte alle Hierarchien auf den Kopf - Erwachsene und Kinder, Mensch und Tier, Mädchen und Junge. 

Ach Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, kunterbunt war es mit dir. 

Heute ist sie universale Ikone und Kultfigur und Grund genug, sie aus dem Bücherregal in unsere Erwachsenenwelt hervorzuholen.

 

“Hab keine Angst! Ich komm immer zurecht.”

 

1. Das sagte Pippi zu ihrer Mama, die ein Engel im Himmel ist und nur manchmal zu ihr herunter sehen kann. Oder zu ihrem Papa, wenn er in See sticht, um die Weltmeere zu umsegeln. Ein starker Satz, der die Komplexität der Figur darstellt. Mit Pippi treibt Astrid Lindgren zwei Seiten ihres Schreibens auf die Spitze- die kraftvolle Unbändigkeit und die melancholische Einsamkeit. Die starke, selbstständige, lustige Pippi, die laut in die Welt hinaus ruft, wie gut es ihr geht, hat auch eine tragische Seite. Ihr fehlt, was sich jedes Kind wünscht: fürsorgliche Eltern. Früher oder später macht man als Kind die Erfahrung von Einsamkeit und hat das Gefühl ganz alleine auf der Welt zu sein. Wir erkennen, dass wir irgendwann alleine zurecht kommen müssen und diese Erkenntnis ist beängstigend. Pippis körperliche Power ist phänomenal, letztendlich aber nur eine Metapher auf der Oberfläche für das, was alle Kinder auf der Welt wirklich beeindruckt: Pippis innere Stärkere. Sie kommt alleine zurecht, das ist ihre wahre Superpower. Ihre Unabhängigkeit ist außergewöhnlich. Sie fühlt sich beschützt durch sich selbst. Das ist es, was sie zum stärksten Mädchen der Welt macht, was uns beim Lesen im Inneren berührt. Humorvoll flößt sie uns ihr Heilmittel ein: Hab keine Angst, auch du kommst alleine zurecht. 

 

“Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.”

 

2. Damit ist kein hedonistischer Individualismus gemeint, wie es manchmal heißt. Nein, so ist Pippi nicht. Sie ist großzügig, hilfsbereit und setzt sich für Schwächere ein. 

Das Zitat aus dem Titellied steht für ihre Fähigkeit, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen. Sie nimmt die Welt so, wie sie ist. Aus manch einer Sicht hat es Pippi nicht leicht. Als Halbwaisin lebt die 9 jährige alleine am Rande der Stadt in einem verfallenen Haus mit verwilderten Garten. Oft eckt sie an, ist ungebetener Gast, bringt alles aus dem Lot. Sie ist ist eine Ausgestoßene, die nicht reinpasst in die brave, bürgerliche Welt. Doch Pippi beherrscht die Kunst, scheinbare Katastrophen zu ihren Gunsten zu verwandeln. Sie macht aus der Not eine Tugend. 

Einmal sagte Pippi zu ihrem Vater: “Ja, es ist unbedingt das Beste für kleine Kinder ein geordnetes Leben zu führen. Besonders wenn sie es selbst ordnen dürfen”. Pippi ordnet immer alles selbst. Sie ordnet selbst, weil sie selbst ordnen muss. Und wenn sie das schon muss, dann macht sie das Beste daraus. Sie ist Gestalterin und Lebenskünstlerin ihrer eigenen Wahrheit. Mit ihrer Kunst schafft sie Ordnung und stiftet Sinn, so wie es ihr gefällt. Da wo sie ist, will sie sein. Und das macht aus ihr eine Heldin, anstatt ein Opfer ihrer Umstände. 

Die Welt zu machen, wie sie einem gefällt ist ein innere Einstellung, scheinbare Widrigkeiten als Chance zu sehen.  Pippi ist diejenige, die für uns Zitronenlimonade macht.


 

“Warum ich rückwärts gegangen bin? Leben wir etwa nicht in einem freien Land? Darf man nicht gehen, wie man möchte?”

 

3. Pippi ging die Straße entlang und als sie nach einer Weile zurück kam, ging sie rückwärts. Das tat sie, damit sie sich nicht umdrehen brauchte, wenn sie nach Hause ging. 

Pippi treibt fast alles auf die Spitze. Sie geht nicht einfach, sie läuft rückwärts oder auf den Händen. 

Dinge anders machen zu können, das bedeutet Freiheit. Eine Freiheit, die wir alle haben, aber derer wir uns nicht bewusst sind. Da muss erst ein kleines Mädchen kommen, das uns zeigt, dass es in Ordnung ist, einfach man selbst zu sein und anders zu sein. Wir alle dürfen Dinge anders machen, tun es aber oft nicht, weil wir Angst vor Gegenwind haben. Weil Ablehnung weh tut, passen wir uns lieber an. Pippi ist es egal, was andere denken oder sagen und dem Gegenwind ruft sie vergnügt “trallari trallahey tralla hoppsasa” zu. Wir sollten viel öfters so handeln, wie wir es für richtig halten. Wir sollten uns für das Entscheiden, was vielleicht Angst macht, aber sich dennoch richtig und authentisch anfühlt. Auch wenn dadurch die Gefahr besteht, dass die Dingen aus den Fugen geraten. Denn erst wenn Dinge durcheinander sind, kann neu justiert werden. 

 

 “Es ist gefährlich, zu lange zu schweigen. Die Zunge verwelkt, wenn man sie nicht gebraucht.”

 

4. Ein harmloser Satz in einem Gespräch mit Tommy und Annika. Beachtet man, dass Pippi Langstrumpf während des 2. Weltkrieges entstanden ist, gewinnt dieser Satz an politischer Bedeutung. Mit Pippi wurde ein Zeitgeist des blinden Gehorsams und Obrigkeitsdenken abgelöst, hin zu freier Meinungsbildung und in Fragestellen scheinbarer Autoritäten. 

Eines Tages kommen Polizisten zur Villa Kunterbunt, um Pippi ins Kinderheim zu bringen. Eine Verfolgungsjagd übers Dach beginnt, mit der die Wachtmeister nicht gerechnet hatten. Pippi dreht die Machtverhältnisse einfach um. Als die Polizisten ärgerlich werden, ist es Pippi, die sie ermahnt freundlich zu bleiben beim Fangen Spielen. Und Pippi ist es auch, welches die beiden Wachmänner schließlich belehrt, dass sie nun noch andere Dinge zu erledigen hätte und setzt die Gesetzeshüter kurzerhand vor die Tür. Pippi schlüpft raffiniert in die Rolle des Vormunds und führt den unmündig gemachten Polizisten ihre eigene Einfältigkeit vor. 

Sie ist kein Mädchen, dass in der Stube stickt. Viel lieber spinnt sie Seemannsgarn auf der Veranda: “Ich lüge so, dass meine Zunge schwarz wird, hörst du das nicht? Du musst doch merken, dass das gelogen ist. Du darfst dir doch nicht alles Mögliche von den Leuten einreden lassen!" 

Pippi war zu ihrer Zeit ein Ruf an eine neue Kindergeneration, die Autoritäten in Frage stellen darf, die nicht immer hören und folgen muss. Heute ist dies hoch aktuell, denn es kann gefährlich sein, zu lange zu schweigen. 


“Ja, die Zeit vergeht, und man fängt an, alt zu werden. Im Herbst werde ich zehn Jahre alt, und dann hat man wohl seine besten Tage hinter sich.”

 

5. Da waren sich Pippi, Tommi und Annika einig, dass Erwachsene fast nie Spaß haben. Sie sind viel zu sehr mit Hühneraugen und Kumminalsteuer beschäftigt. Erwachsene seien außerdem furchtbar unpraktisch. Astrid Lindgren, Pippis Mutter hat sich ihre Kindheit im Herzen aufbewahrt, wie sonst hätte sie ohne diesen glückseligen Zustand ihr literarisches Lebenswerk erschaffen können. Mit Pippi sendete sie die Botschaft aus, die kindliche Energie und Unkompliziertheit immer beizubehalten und wenn sie abhanden geht, nach ihr zu suchen. Beim Spielen findet man sie zumal oft wieder. Pippi steht für das Genie des Kindes, für sprudelnde Lebendigkeit. Ihre Offenheit, Leichtigkeit und Durchlässigkeit ist so unmittelbar, dass es fast weh tut. Wenn ich Pippi als Erwachsener lese, dann denke ich wehmütig an vergangene Kindheitstage. Dann vermisse ich Pippi als Wegbegleiterin, als die Tage noch lang und unbeschwert waren, als man sie spielend und gedankenverloren draußen verbracht hat, als die Welt noch voller Abenteuer war und es hinter jeder Ecke etwas zu entdecken gab. Als die Sommer unendlich lang waren und die Winter weiß.  Als man in Rollen geschlüpft ist und sich Geschichten ausgedacht hat. Wenn man Kind ist, will man unbedingt groß werden und wenn man dann groß ist, ist man viel zu sehr mit Hühneraugen und Kumminalsteuer beschäftigt- oder mit antiaging Cremes und Detox Smoothies. Dabei gibt es andere Dinge, die das Leben zeitlos machen. Zum Beispiel Sachen suchen. Pippi Langstrumpf ist Sachensucherin, “und da hat man niemals eine Stunde frei”. Das bedeutet bewusst durch die Welt zu gehen, im Einfachen das Kostbare zu sehen. Wir machen so viele Dinge, die uns keine Spaß machen und denken dabei schon an die nächsten Dinge, die uns wieder keine Spaß machen. Als Kind ist man ohne Anstrengung achtsam, weil man Dinge macht, die Freude bereiten. Weil man über Dinge staunt, weil man vieles zum ersten Mal sieht. Wenn du wieder in das Gefühl der kindlichen Echtheit, des puren Lebens kommen möchtest, dann lies Pippi Langstrumpf. Danke kleine Pippi, dass wir mit dir immer wieder dem Kind begegnen dürfen, das in uns steckt.


 

 “Ich bin sommersprossiger und schöner denn je, wenn das so weitergeht, werde ich direkt unwiderstehlich.” 

 

6. Rote Haare und Sommersprossen entsprachen in den 40er Jahren ganz und gar nicht dem Schönheitsideal, es waren Makel. Pippis Zitat ist an Ironie nicht zu überbieten. Sie zieht bestehende Schönheitsideale und Geschlechterrollen ins Lächerliche. 

Weibliche Unwiderstehlichkeit ist eine starke Ressource. Wer würde sonst all die Produkte kaufen, wenn wir Frauen nicht unwiderstehlich sein müssten für das andere Geschlecht. 

Ein Mädchen mit feuerroten Zöpfen, Sommersprossen, selbstgenähtem patchwork Kleid, viel zu großen Schuhen und Seeräuberstrümpfen stellte den Konterpart zu den reizenden, wohlerzogenen Mädchen dar, die Handarbeiten machten und später im trauten Heim ihren Platz neben dem Ehemann haben dürfen. Nein, da passte Pippi ganz bestimmt nicht rein und diesen Platz nahm sie auch nicht ein, weil sie ihn gar nicht kannte. Die Basis für das traute Heimfeeling, die umsorgende Mutter, hat Lindgren raffiniert in den Himmel versetzt und kann so Pippis antibürgerliches Leben ganz logisch begründen. 

Pippi ist emanzipiert, Schönheitsfaschismus ist ihr gleichgültig, sie ist das Gegenteil von weiblicher Objektivierung. Nicht nur äußerlich steht Pippi für sich ein. Als Pippi, Tommy und Annika ausreisen und bei einem grimmigen Bauern auf dem Heuboden schlafen möchten, erlaubt er es nur unter der Bedingung, dass sie sich gleich am Morgen wieder aus dem Staub machen würden. “Klar,” sagte Pippi, “wir können ja nicht ewig bleiben und euch aufheitern.”

Auf Abwertung ihrer Person gegenüber antwortet sie mit Aufwertung, sie antwortet mit ihrer eigenen Großartigkeit und bleibt immer freundlich.

“Leiden sie an Sommersprossen?”, stand auf einem Plakat vor dem Geschäft. Wie immer nimmt es Pippi wörtlich: “Nein. Ich leide nicht an ihnen, ich habe sie gern. [...] Aber wenn sie vielleicht irgendwelches Zeug rein bekommen, von dem man noch mehr Sommersprossen bekommt, schicken sie mir 7 bis 8 Dosen zu.” Pippi mag sich selbst, innerlich und äußerlich. Und das spricht sie auch aus. 

Wofür sie die feinen Damen bemitleiden, dass sie ihr ganzes Leben lang auf See war und nicht gelernt hat, sich richtig zu benehmen, das ist Pippis großes Glück. Sie sitzt heute nicht beim bürgerlich-weiblichen Ritual des Kaffeekränzchens. Sie ist heute Seeräuberin! 

E. Hohmeister, A. Kutsch, M. Strömstedt (2000): Astrid Lindgren. Steine auf dem Küchenbord. Gedanken Erinnerungen Einfälle, Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg.

Astrid Lindgren et al. (2020): Pippi Landgstrumpf. Heldin, Ikone, Freundin. Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg.

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