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"Die Gewalt gegen Frauen ist die größte Krise, der die Menschheit gegenüber steht."

JANA WELLMANN Salon Alba - April 2021

Das neue Buch von Isabel Allende:

"Was wir Frauen wollen"

“Wenn ich sage, dass ich schon im Kindergarten Feministin war, ehe man in der Familie den Begriff überhaupt kannte, ist das nicht übertrieben.”

So beginnt Isabel Allendes neues Buch “Was wir Frauen wollen” und beschreibt das, was die Autorin bis heute angetrieben hat - der Kampf gegen ungerechte Machtverhältnisse. 

 

Im Spanischen hat das Buch den schöneren  Titel “Mujeres del alma mia”, Frauen meiner Seele. Von diesen Frauen, Wegbegleiterinnen und Mentorinnen, die Isabel Allende im Laufe ihres Lebens traf und die Teil ihrer Seele wurden, erzählt sie. Isabels Mutter, die durch ihre Benachteiligung gegenüber Männern bei ihrer Tochter von klein auf eine kritische Denkweise prägte; die Frauen um Paula, dem ersten feministischen Magazin Chiles; ihre Verlegerin Carmen Balcells, die ihr als erste Südamerikanerin zum literarischen Welterfolg verhalf; ihre Tochter Paula, die viel zu früh starb. Sie berichtet von außergewöhnlichen und motivierenden Frauen wie Olga Moray oder Eve Ensler (Vagina Monologe) und von unaussprechlichen Frauenschicksalen. 

Was wollen die Männer?

Aufgewachsen im Chile der 40er Jahren in Santiagos Oberschicht, entwickelte Isabel schon früh ein Gefühl der Auflehnung gegen das Patriarchat. An ihrer Mutter und den Hausangestellten sah sie die Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen und zwischen reich und arm. Aufopferung und Hingabe wurden immer nur von einer Person in der Familie verlangt. Frauen waren für das Muttersein bestimmt, sie gehorchten, bedienten und umsorgten.

 

Der Begriff Patriarchat steht ursprünglich für die absolute Vorherrschaft des Mannes über die Frau, über andere Lebewesen und die Natur. Es ist das von der Geschichte und Kirche eingemeißelte Bild des mächtigen Mannes, der alles bezwingt und beherrscht. 

 

Die feministische Bewegung, so schreibt Allende, ist tiefgreifend, denn sie betrifft die Hälfte der Menschheit. In vielen Bereichen hat es der Feminismus geschafft, diese absolute Macht zu untergraben, in anderen besteht sie seit tausenden von Jahren weiter.

 

Durch die Werbung, die Medien und die Kunst werden uns unrealistische Schönheitsideale vermittelt. Die Frau wird definiert durch ihr Aussehen und ihre Jugendlichkeit. Das geringe Selbstwertgefühl der Frauen wird gepflegt und hilft dabei, uns teure Produkte zu verkaufen. Diese tägliche Manipulation geht soweit, dass wir unseren Wert daran messen, ob wir die männlichen Vorstellung von Weiblichkeit erfüllen können. Die Frau wird so allgegenwärtig und erbarmungslos zum Objekt gemacht, dass wir es schon gar nicht mehr wahrnehmen. 

Der weibliche Körper wird nicht von der Allgemeinheit als unvollkommen betrachtet, mit Scham besetzt und abgewertet, einfach nur weil es der Körper einer Frau ist. Er muss verändert, verbessert, enthaart, geputzt, gestutzt, beschnitten, trainiert, aufgespritzt oder ausgesaugt werden. Was schon da ist, muss entfernt werden, was nicht da ist, wird implantiert - für viel Geld natürlich. Aus dem weiblichen Körper wird Kapital geschlagen, gleichzeitig wird er unterdrückt und einer merkwürdigen Doppelmoral unterworfen. Aus dieser Gefangenschaft hat uns auch der Feminismus nicht befreien können.
 

Was wollen wir Frauen?

 

Isabel Allende beschäftigt sich mit dieser Frage und findet die  Antworten, die so offensichtlich und allgemeingültig sind, dass es mich erschreckt: Sicherheit, Wertschätzung, Frieden, über eigene Mittel verfügen, Verbundenheit und Liebe.

 

Hillary Clinton sagte 1994: Menschenrechte sind Frauenrechte. Und Frauenrechte sind Menschenrechte. 

In der Realität müssen wir uns jedoch schmerzlich eingestehen, dass Menschenrechte immer noch Männerrechte sind. 

Wenn ein Mann geschlagen und in seiner Freiheit beraubt wird, nennt man es Folter, wird eine Frau geschlagen und eingesperrt, dann nennen wir es häusliche Gewalt und das wiederum ist in vielen Teilen der Welt Privatangelegenheit. Erst im März 2021 ist der türkische Präsident Erdogan aus den sogenannten Istanbul- Konventionen ausgetreten, die Gewalt an Frauen auf allen Ebenen verhindern und bekämpfen soll. Eine Gleichstellung der Geschlechter sei laut der Partei wider der Natur und die Konventionen untergraben die traditionellen Familienwerte. Familienwerte, die besagen, dass Frauen Menschen 2. Klasse sind? Werte, die besagen, dass Frauen unterdrückt, geschlagen und im Zweifelsfall umgebracht werden dürfen? Wer legt fest, was Kultur und Tradition verlangen? Die Männer.

Im nahen Osten und Südostasien werden laut UNO jedes Jahr ca. 5000 Frauen ermordet, um die Ehre des Mannes und der Familie zu retten. Die Täter werden so gut wie nie angezeigt. Statistisch wird in den USA alle 6 Minuten eine Frau vergewaltigt, alle 90 Sekunden eine Frau geschlagen und das sind nur die gemeldeten Fälle in einem entwickelten Rechtsstaat. 

Isabel stellt in ihrem Buch die entscheidende Frage, auf die es nur eine bedrückende Antwort gibt.

Wieso wird der Gewalt gegen Frauen nicht der Krieg erklärt? 

Es wird medienwirksam und mit viel Geld Krieg gegen Terrorismus geführt, es wird Krieg gegen die Drogen geführt. Mädchen und Frauen aber werden jeden Tag weltweit Opfer von Missbrauch, Ausbeutung, Folter und nahezu immer bleibt es straffrei.

In vielen Orten der Welt ist es ein Unglück ein Mädchen zu bekommen, Frauen werden verkauft, gekauft und getauscht. 200 Millionen Frauen sind zur Zeit von Genitalverstümmelung betroffen. In Deutschland ist dies erst seit 2013 überhaupt strafbar. 

 

Die schlechte Behandlung der Frau erklärt sich durch ihre starke Abwertung, die sie erfährt. “Feminismus ist die radikale Erkenntnis, dass Frauen Menschen sind.” Sicherheit, Wertschätzung, Frieden, eigene Mittel, Verbundenheit und Liebe - das sind Menschenrechte. 

Allende fordert ganz deutlich das Ende des Patriarchats. Es unterdrückt die weibliche Hälfte der Bevölkerung und überhöht die andere Hälfte. Die seit Jahrhunderten in uns eigetrichterten weibliche Tugend der Fügsamkeit ist dabei unser größter Feind, denn sie bringt nur den Männern etwas. 

 

Die amerikanische Politikerin Bella Abzug sagte einmal: Statt, dass die Macht die Natur der Frauen ändert, werden die Frauen im 21. Jahrhundert die Natur der Macht ändern.

Unsere größte Kraftquelle ist die Solidarität der Frauen untereinander. 

 

Isabel Allende glaubt an die Gleichstellung der Geschlechter. Sie plädiert dafür, in Jungen Eigenschaften wie Geduld, Empathie, Fürsorglichkeit und Harmoniestreben zu fördern-  Attribute, die immer nur als typisch weiblich gelten. Die Mädchen sollen darin gestärkt werden, was Jungen durch Kultur und Erziehung schon über Jahrhunderte vermittelt bekamen: Durchsetzungskraft, Ehrgeiz, Willensstarke, Wettbewerb und Entschlossenheit. 

Und gleichzeitig muss alles in Frage gestellt werden, was wir kennen: Religion, Gesetzgebung, Wissenschaft, Traditionen, Bräuche und Gewohnheiten. Erst dann kann die Welt, wie wir sie kennen, sich verändern.

 

Doch es ist noch ein langer Weg.

Noch immer steht das Patriarchat für politische, wirtschaftliche, kulturelle Unterdrückung. Es setzt sich aggressiv durch, verlangt Gehorsam und bestraft diejenigen, die sich zur Wehr setzen. Vergewaltigung und andere systematisch ausgeübte Gewalt gegen Frauen sind Mittel der patriarchalen Unterdrückung. 

 

Nach den Zahlen der UNO und anderen Frauen- und Hilfsorganisationen, erscheint mir die Forderung der Frauen nach Sicherheit und Wertschätzung noch einmal unter einem ganz anderen Licht. Es geht um das seelische und physische Überleben von Frauen rund um den Globus, es geht um die Menschenwürde. 

“Natürlich vergewaltigen nicht alle Männer Frauen, aber der Prozentsatz ist so hoch, dass wir die Gewalt gegen Frauen als das ansehen sollten, was sie ist. Die größte Krise, die der Menschheit gegenüber steht.”